My Solution – Abbreviated Middle High German
#26
I am well aware of the effect of eisegese – and to be honest, it was one of the reasons why I did not publish my results for a long time. Of course, every time you work on an incomprehensible text, there is a risk of unconsciously incorporating your own expectations, experiences or hopes into the interpretation. I cannot absolve myself of this either.
 
In fact, the approach I am currently presenting is not the first one that has emerged in the course of my work. I have already taken several wrong paths and have rejected numerous interpretations. Precisely for this reason, another point was decisive for me: the repeated use of certain words and their meaningful occurrence within structures. With each new use in the appropriate context, the number of possible meanings could be further narrowed down.
 
I think anyway that no one is completely free of eisegese. It is just as much a part of human perception as cognitive dissonance – i.e. the inner resistance to information that contradicts one's own worldview – or confirmation bias, in which we prefer to perceive information that supports our existing beliefs. These are not individual weaknesses of individual persons, but fundamental characteristics of human thinking against which we all have to consciously work.
 
Nevertheless, let's hypothetically assume that the Voynich manuscript is actually written in an individual shorthand. The author would then have numerous possibilities to make reading more difficult: omitting connecting words, reducing terms to word stems, using individual abbreviations or a spelling that intentionally makes abbreviations look similar while still remaining readable for him without any problems.
 
If one starts from such an assumption, the question inevitably arises: How can one decipher such a transcript at all without gradually working one's way forward through approximation and comparison?
 
This was exactly what I was doing: identifying repetitions, determining the meanings of words standing next to each other, checking contexts and weighing up possible readings. Whether you apply this approach to Middle High German or – like many before me – to other languages, makes no fundamental difference at first. Each language has a limited vocabulary and recurring patterns.
 
Since the beginning of the computer age, there have been repeated attempts to solve the Voynich manuscript algorithmically. But if it is indeed an individual, organically grown obfuscation rather than a strictly mathematical cryptosystem, a purely algorithmic approach inevitably reaches its limits.
 
I don't claim that my theory necessarily has to be the right one. But I think it's a plausible possibility – and after everything I've observed in the text so far, it's by no means an improbable one.
 
I am aware that we will not arrive at the same assessment at this point. Nevertheless, I would like to express my thanks for the exchange and constructive criticism. I don't shy away from critical discussions.
 
However, I will stick to my theory of abbreviated spelling for the time being and continue to apply it to Middle High German. I hope that as the amount of text increases, the definitions of words will also become more precise and reliable.
 
___
 
Der Effekt der Eisegese ist mir durchaus bewusst – und ehrlich gesagt war er einer der Gründe, weshalb ich meine Ergebnisse lange Zeit nicht veröffentlicht habe. Denn selbstverständlich besteht bei jeder Arbeit an einem unverständlichen Text die Gefahr, eigene Erwartungen, Erfahrungen oder Hoffnungen unbewusst in die Interpretation einfließen zu lassen. Auch ich kann mich davon nicht freisprechen.
 
Tatsächlich ist der aktuell von mir vorgestellte Ansatz nicht der erste, der sich im Verlauf meiner Arbeit ergeben hat. Ich bin bereits mehrere Irrwege gegangen und habe zahlreiche Deutungen wieder verworfen. Gerade deshalb war für mich ein anderer Punkt entscheidend: die wiederholte Verwendung bestimmter Wörter und deren sinnhaltiges Auftreten innerhalb von Strukturen. Mit jeder erneuten Verwendung im passenden Kontext ließ sich die Zahl möglicher Bedeutungen weiter eingrenzen.
 
Ich denke ohnehin, dass niemand vollständig frei von Eisegese ist. Sie gehört ebenso zur menschlichen Wahrnehmung wie kognitive Dissonanz – also der innere Widerstand gegen Informationen, die dem eigenen Weltbild widersprechen – oder der Confirmation Bias, bei dem wir bevorzugt jene Informationen wahrnehmen, die unsere bestehenden Überzeugungen stützen. Das sind keine individuellen Schwächen einzelner Personen, sondern grundlegende Eigenschaften menschlichen Denkens, gegen die wir alle bewusst anarbeiten müssen.
 
Gehen wir dennoch einmal hypothetisch davon aus, dass das Voynich-Manuskript tatsächlich in einer individuellen Kurzschrift geschrieben ist. Der Verfasser hätte dann zahlreiche Möglichkeiten, das Lesen gezielt zu erschweren: das Weglassen von Bindewörtern, das Reduzieren von Begriffen auf Wortstämme, die Verwendung individueller Kürzungen oder eine Schreibweise, die Kürzungen absichtlich ähnlich aussehen lässt, während sie für ihn selbst weiterhin problemlos lesbar bleiben.
 
Geht man von einer solchen Annahme aus, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie soll man eine derartige Niederschrift überhaupt entschlüsseln, ohne sich schrittweise durch Annäherung und Vergleich vorzuarbeiten?
 
Genau darin bestand mein Vorgehen: Wiederholungen identifizieren, Bedeutungen beieinanderstehender Worte bedingen, Kontexte prüfen und mögliche Lesarten gegeneinander abwägen. Ob man diesen Ansatz nun auf Mittelhochdeutsch anwendet oder – wie viele vor mir – auf andere Sprachen, macht dabei zunächst keinen grundsätzlichen Unterschied. Jede Sprache verfügt über ein begrenztes Vokabular und wiederkehrende Muster.
 
Seit Beginn des Computerzeitalters wurde immer wieder versucht, das Voynich-Manuskript algorithmisch zu lösen. Doch falls es sich tatsächlich eher um eine individuelle, organisch gewachsene Verschleierung als um ein streng mathematisches Kryptosystem handelt, stößt ein rein algorithmischer Ansatz zwangsläufig an seine Grenzen.
 
Ich behaupte nicht, dass meine Theorie zwingend die richtige sein muss. Aber ich halte sie für eine plausible Möglichkeit – und nach allem, was ich bislang im Text beobachtet habe, keineswegs für eine unwahrscheinliche.
 
Mir ist bewusst, dass wir an diesem Punkt nicht zu derselben Einschätzung gelangen werden. Dennoch möchte ich mich ausdrücklich für den Austausch und die konstruktive Kritik bedanken. Ich scheu mich keiner kritischen Diskussionen.
 
Ich werde jedoch erst einmal an meiner Theorie der gekürzten Schreibweise festhalten und diese weiterhin auf das Mittelhochdeutsche anwenden. Ich hoffe, dass mit zunehmender Textmenge auch die Wortbestimmungen präziser und belastbarer werden.
Reply


Messages In This Thread
Tortsen != Thorsten - by Jorge_Stolfi - 26-05-2026, 11:24 PM
RE: Tortsen != Thorsten - by RadioFM - 27-05-2026, 03:24 AM
RE: My Solution – Abbreviated Middle High German - by Thorsten - 28-05-2026, 02:52 PM

Forum Jump:


Users browsing this thread: